
Michael Bause | CITY OF PAPER
Michael Bause
galerie oqbo | raum für bild wort ton
Brunnenstr. 63, Berlin, Berlin 13355
Do Fr Sa > 15 - 18 Uhr
Admission
Free Admission
About
Es ist uns eine große Freude, Sie zur Ausstellung City of Paper – Urbane Schichtungen von Michael Bause (geb. 1954) einzuladen. Gezeigt werden Leinwände und Collagen aus den Jahren 1988 bis 1992, in denen Bause vor nahezu 40 Jahren eine eindrucksvolle Verdichtung jener tektonischen, politischen und medialen Umbrüche sichtbar machte, die das Ende des 20. Jahrhunderts prägten. Wenn wir heute auf diese Werkgruppe blicken, begegnen wir nicht nur Collagen im klassischen Sinne, sondern einem analytischen Bildraum, in dem Stadt und Erinnerung, Konstruktion und kulturelle Imagination in vielschichtiger Überlagerung zusammentreffen. Der Entstehungszeitraum von 1988 bis 1992 ist dabei keinesfalls zufällig. Er markiert eine historische Schwellenzeit: der Zerfall der Sowjetunion, der Fall der Berliner Mauer und mit der Öffnung Europas das vorläufige Ende des Kalten Krieges. Hinzu kam die Beschleunigung globaler Bildzirkulationen und zugleich die Krise der großen Erzählungen der Moderne. Die funktionalistische Gewissheit der Nachkriegszeit hatte ihre Überzeugungskraft weitgehend verloren, während sich postmoderne Strategien bereits zu erschöpfen begannen. Genau in diesem Zwischenraum entstanden die Bilder und Collagen von Michael Bause. Bause sammelt Spuren architektonischer Systeme - Industriearchitektur, konstruktivistische Formsprachen, Elemente klassischer Monumentalität - und setzt sie in einen Zustand produktiver Spannung. Gerade die Schnittkante der Collage wird entscheidend. Sie ist nicht nur als technische Verbindung zu lesen, sondern als epistemische Zäsur: An ihr treffen historische Schichten aufeinander. Sie offenbaren, dass Architektur niemals nur gebauter Raum ist, sondern stets auch ein kulturelles Gedächtnis besitzt. Besonders interessant ist, wie präzise Bause bereits Ende der 1980er Jahre jene Bedingungen vorwegnimmt, die wir inzwischen als zentrale Parameter zeitgenössischer Architekturproduktion kennen: Hybridisierung, mediale Fragmentierung, Entgrenzung des Stadtraums und die Gleichzeitigkeit heterogener Referenzsysteme. Bemerkenswert bleibt die starke materielle Präsenz seiner Collagen. Papierstruktur, Überklebung, Schnittführung und Bildträger bleiben stets sichtbar. Die unvermittelt physische Sichtbarkeit der Montage verweigert die glatte Illusion ewig perfekter Bildräume. Entstanden im rein analogen Verfahren, kontrastieren sie – gerade heute – mit der glatten Kohärenz digitaler Visualisierungen. Jeder Schnitt bedeutet eine Entscheidung. Jede Überlagerung Widerstand. Während algorithmisch erzeugte Räume auf immersive Geschlossenheit zielen, operieren Bauses Collagen mit Offenheit, Diskontinuität und Widerstand. Sie zeigen Architektur nicht als fertiges Objekt, sondern als instabiles Gefüge von Bedeutungen. Dazu schrieb der Kunsthistoriker Dr. Peter Funken 1988 anlässlich der Ausstellung Stadträume in Berlin: „... Bauses Stadträume sind menschenleer, es sind Provinzen, in denen das Menschliche keinen Platz hat. Da Personen, Natur und andere Lebensspuren nicht existieren, fehlt den Bildern jeglicher Proportionsmaßstab. Allein von daher geht von diesen Stadträumen eine – um es salopp zu formulieren – „Piranesi-artige" Gewalttätigkeit aus. In ihrer Aussage wirken sie keineswegs deprimierend oder bedrohlich, und doch benennt Bause in diesen Architekturkonglomeraten die fatale Brutalität gegenwärtiger Kolossalbildungen. Wie Stilleben, die auf ihre Vergänglichkeit verweisen, sind diese Monumentalordnungen konstruiert..." In kunsthistorischer Sicht lassen sich weitere Bezugslinien erkennen: zur dadaistischen und konstruktivistischen Collage, zu den Bildexperimenten der russischen Avantgarde sowie zu den radikalen Zeichnungsstrategien von Superstudio um den italienischen Architekten Adolfo Natalini oder denen von Lebbeus Woods. Besonders aufschlussreich ist die Nähe von Bauses Collagen zu den Paper Architectures der späten Sowjetmoderne. Auch dort wird Architektur weniger als Baupraxis denn als Denkform begriffen. Und vielleicht liegt gerade hierin Bauses eigentliche Qualität: Sein City of Paper spricht nicht nur über Architektur. Es spricht über Zeit.