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Pocket Lines

Ruti de Vries

Jun 12 – Aug 9

Künstlerhaus Bethanien
Alternative Space

Künstlerhaus Bethanien

Kottbusser Str. 10/d, 10999 Berlin, Germany 10999

Wed–Sun 2pm–7pm, during exhibition periods, free entry

Admission

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Free Admission

Eintritt frei

About

In Ruti de Vries’ Animationsvideo _The Catchers_ (2026) schweben mehrere anthropomorphe Figuren nach und nach auf die Leinwand. Ihre Körper sind aus monochrom gefüllten Formen, die an Zelte oder Felsen erinnern, sowie schwarzen Linien zusammengesetzt, die als Arme und Zöpfe über den Bildrand hinausweisen und eine gemeinsame Verwurzelung suggerieren. Sie bewegen sich synchron zu einer mechanisch-repetitiven Komposition, die im Verlauf zunehmend von einem Chor überlagert wird. Je mehr diese Körper den Bildraum besetzen, desto deutlicher tritt ihre Funktion hervor: Sie strukturieren nicht nur die Farbflächen der Komposition, sondern sind zugleich fortwährend an der Produktion des Werkes beteiligt. Die Figuren sind in eine Webstruktur eingespannt, ein Gefüge aus blauen und roten Linien, das sie wiederum durch ihre rhythmisierten Bewegungen mithervorbringen. Im Ausstellungsdisplay wird die Arbeit von einem wandfüllenden Stoff gerahmt, dessen Muster im Video wiederkehrt. Die Farbcodes für das Textil entwickelte Ruti de Vries aus Fotografien, die sie von der urbanen Kulisse Berlins aufnahm. Eine Sequenz ohne die arbeitenden Wesen zeigt die aus roten und blauen Fäden entstandene Struktur, die sich halluzinatorisch zu verselbständigen beginnt. Schwarze Kugeln fliegen zu den melancholischen Klängen eines Cellos über den Bildschirm, bevor der Rhythmus der webenden Figuren die dramatisierte Stimmung wieder einhegt und die Produktion sich fortsetzt. Am Ende wird das Muster mit einem digitalen Werkzeug ausradiert, und die blanke Leinwand wartet darauf, neu bespielt zu werden. An dieser Arbeit lassen sich zentrale Momente von Ruti de Vries’ Praxis und der Ausstellung _Pocket Lines_ nachvollziehen. Künstlerische Praxis erscheint hier als ein Verhältnis von Produktion, Rhythmus und kollektivem Handeln. Der kreative Akt wird nicht als isolierte Geste verstanden, sondern als ein Prozess, in dem sich Material, Körper und Bewegung gegenseitig bedingen und Kommunalität und Offenheit zum Motor von Formbildung werden. Dieser Prozess bleibt jedoch zwangsläufig prekär und unabgeschlossen, droht sich ständig aufzulösen und unbeherrschbar zu werden. Ebenso wird ein hybrides Verständnis von Stoff deutlich, das das geometrische Formrepertoire und die digitale Animation ebenso umfasst wie das aus materieller Arbeit hervorgegangene konkrete Textil. Zugleich öffnet das Werk den Blick auf die Stofflichkeit des Klangs und dessen Potenzial, das Bild lebendiger erscheinen zu lassen. Vielleicht ließe sich hier von einer gewissen vitalistischen Sensibilität sprechen, die mediale und räumliche Kategorien durchlässig werden lässt und Körper und Arbeit in Annäherung an eine weniger entfremdete Produktionsweise imaginiert. Die Auflösung von Grenzen zeigt sich ebenso in weiteren Varianten der androgynen, aus heterogenen textilen und gemalten „Bauteilen“ konstruierten Wesen, die ein geradezu obsessiv wiederkehrendes Motiv bilden. In Werken wie _Under the Coat_ und _Winding_ (beide 2026) erhalten diese textilen Elemente eine dezidierte Schutzfunktion. So unterschiedlich ihre Konstruktionen auch ausfallen, folgen Ruti de Vries‘ humanoide Wesen und Textilobjekte doch einem gemeinsamen ästhetischen Programm: Sie erscheinen wie Archetypen einer verschollenen mythologischen Ordnung, in deren Zentrum eine unbegrenzt schöpferische Tätigkeit als gemeinschaftlicher und imaginativ offener Prozess steht. Das anthropologisch anmutende Display der Werkgruppe auf der rechten Seite sowie die in der Mitte des Raumes positionierten Wesen _The Middleman_ und _The Mediator_ (2026), die zugleich als skulpturale Textilkompositionen und schamanistische Präsenzen lesbar sind, unterstreichen diese Dimension. Eine lexikalische Entzifferung stößt hier zwangsläufig an ihre Grenzen. Vielmehr sind die Besucher\*innen eingeladen, die Beziehungen der Werke untereinander wie auch zum Publikum als gleichwertige, affektiv erfahrbare Interaktionen zu begreifen. Text: Emily Nill

Tags

textileanimation
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