
It Started with a Pear
Noé Duboutay
Künstlerhaus Bethanien
Kottbusser Str. 10/d, 10999 Berlin, Germany 10999
Wed–Sun 2pm–7pm, during exhibition periods, free entry
Admission
Free Admission
About
Mit _It Started with a Pear_ entwickelt Noé Duboutay eine Erzählung über Begehren, Erinnerung und die Konstruiertheit von Geschlecht. Ausgangspunkt der Ausstellung ist der mittelalterliche Versroman _Le Roman de Silence_ von Heldris de Cornuälle aus dem 13. Jahrhundert: die Geschichte eines Mädchens, das als Junge erzogen wird, um innerhalb einer patriarchalen Erbordnung gesellschaftlich bestehen zu können. Der Text verhandelt Fragen von Körper und Sprache, Identität und sozialer Zuschreibung – Themen, die Noé Duboutay in eine räumliche Choreografie aus Skulptur, Malerei, Zeichnung und Klang überführt. Beim Betreten der Ausstellung treffen die Besucher\*innen zunächst auf vier Holzkonstruktionen. Sie erinnern unmittelbar an den Unterbau von Schaukelpferden – ein Objekt, das lange Zeit Teil bürgerlicher Kindheiten war. Das Schaukelpferd simuliert Bewegung und Fortschritt, bleibt jedoch stets an seinem Ort fixiert. In Noé Duboutays Arbeit wird es zum Bild eines Übergangs: für das Heranwachsen innerhalb gesellschaftlicher Geschlechternormen ebenso wie für den Moment, in dem bestimmte Rollenbilder abgestreift werden müssen. Die Konstruktionen erscheinen wie zurückgelassene Gerüste einer Kindheit, die nicht mehr betreten werden kann. An der rechten Wand befinden sich elf Ölmalereien auf Holz. Sie zeigen verschiedene Konstellationen von Birnenpaaren vor einem unbestimmten grünen Grund. Die Birne fungiert hier als vielschichtiges Symbol: In der mittelalterlichen Ikonografie verweist ihre Form auf ein Herz, später werden Gebärmutter, Penis oder Hoden mit ihr gleichgesetzt. Sie bündelt Vorstellungen von Liebe, Körperlichkeit und sexuellem Verlangen. Als wiederkehrendes Motiv verbindet die Birne körperliche Intimität mit emotionaler Projektion und wird damit zum Träger einer ambivalenten, nicht eindeutig lesbaren Erotik. Die vier Pastellzeichnungen an der gegenüberliegend en Wand tragen die Schriftzüge „fuck off“, „phantasy”, „NOSTALGIA“ und „DESIRE“. Formal bewegen sich die Arbeiten zwischen Tannenberg-Schrift und der spitz zulaufenden Typografie der Heavy-Metal-Ästhetik. In dieser Überlagerung treffen unterschiedliche historische Aufladungen aufeinander: mittelalterliche Bildwelten und subkulturelle Aneignungen. Die Arbeiten stellen damit auch die Frage, wer Geschichten erzählt, mit welcher Absicht und in welcher visuellen Form. Sprache erscheint hier nicht als neutrales Mittel, sondern als ideologisch geprägte Oberfläche. Durch den Raum zieht sich eine etwa dreißigminütige Klangarbeit, die in Kollaboration mit Caroline Beach entstand. Sie beginnt mit Dungeon Synth – einer elektronischen Musik, die an frühe Fantasy-Rollenspiele erinnert – und verdichtet sich zunehmend zu düsteren Soundflächen, Heavy Metal und verzerrten Schreien. Aus dem Klang treten einzelne Figuren hervor: ein Mädchen, ein Pferd, ein Ritter und eine Birne. Ihre Stimmen basieren auf frei interpretierten Passagen aus _Le Roman de Silence_ und mischen sich mit autofiktiven Handlungen. Die mittelalterliche Erzählung wird dabei nicht illustriert, sondern fragmentiert und neu verkörpert. Stimmen kippen ins Animalische, Sprache zerfällt, Identitäten verschieben sich. Zu verschiednen Zeitpunkten während der Laufzeitwird die Ausstellung durch eine Performance von Noé Duboutay und Caroline Beach aktiviert. Die Figuren aus der Tonarbeit – Mädchen, Pferd und Ritter – treten aus der Erzählung in den Realraum über. Die performative Lesung verbindet Körper, Stimme und Objekt mit den skulpturalen Arbeiten im Raum. So entsteht ein Werkzusammenhang, der gesellschaftlich gesetzte Rollen- und Genderbilder hinterfragt und fluide Formen von Identität sichtbar macht. Vergangenheit erscheint dabei nicht als abgeschlossener historischer Raum, sondern als Material, das immer wieder neu gelesen, angeeignet und umgeschrieben wird.