
Every Day, Every Week Another Historical Image Floods Our Screens
Ezra Šimek
Künstlerhaus Bethanien
Kottbusser Str. 10/d, 10999 Berlin, Germany 10999
Wed–Sun 2pm–7pm, during exhibition periods, free entry
Admission
Free Admission
About
Beim Betreten von Ezra Šimeks Installation _Every Day, Every Week Another Historical Image Floods Our Screens_ richten sich die Blicke zunächst auf einen Spiegel, einen roten Vorhang und eine Projektion. Es entfaltet sich eine 18-minütige Folge aus drei Videosequenzen, begleitet von einer variierenden, größtenteils von Ezra Šimeks eingesprochenen Tonspur. In der ersten Szene erhebt sich langsam eine athletische Figur, die sich bei näherem Hinsehen und über die Tonspur als historischer tschechoslowakischer Sportler Zdenék Koubek erkennen lässt. Im Hintergrund läuft eine Uhr, während ein roter Theatervorhang, der sich rechts und links leicht bewegt, den Eindruck eines Bühnensettings verstärkt. Die zweite Sequenz zeigt Aufnahmen der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Paris 2024. Ein Brückenpfeiler an der Seine markiert den Ort des Geschehens. Sichtbar sind lediglich ein Pferdekopf und -hals und die Silhouette einer Reiterin – innerhalb der Zeremonie eine Darstellung von Jeanne d’Arc. Diese kämpfte in Männerrüstung und stellte gängige Machtstrukturen in Frage – wie auch die Tonspur hervorhebt. In der dritten Videosequenz hebt ein\*e Boxer\*in – möglicherweise die algerische Boxerin Imane Khelif, die 2024 in Paris Gold gewann – den bandagierten Arm zur Siegerpose. Im dunklen Hintergrund werden blitzende Kameralichter, die Jahreszahlen 2024 und die olympischen Ringe sichtbar. Allmählich verbinden sich die drei Sequenzen zu einem größeren Zusammenhang. Die sportlichen und olympischen Motive werden nicht um ihrer selbst willen inszeniert und in Zeitlupe dekonstruiert. Vielmehr verweist die Tonspur u.a. auf den historischen Fall von Zdenék Koubek (1913-1986), einer zunächst äußerst erfolgreichen tschechoslowakischen Sportler\*in, der nach einer Geschlechtsangleichung rückwirkend sämtliche sportliche Titel aberkannt wurden. Zdenék Koubek bewegte sich zwischen unterschiedlichen Bühnenwelten und wechselte später von der Sportarena auf Kabarettbühnen. Auch Imane Khelif wurde nach ihrem Sieg mit sexistischen Hasskommentaren überzogen, ihr Sieg angezweifelt, da sie stereotypen Vorstellungen von Weiblichkeit angeblich nicht entsprach. Die Olympischen Spiele in Paris 2024 stehen exemplarisch für Ausschlüsse und gesellschaftliche Verwerfungen innerhalb wie außerhalb des Sportsystems. Im Stadtraum zeigte sich dies etwa in der Verdrängung obdachloser Menschen aus dem Stadtzentrum. Innerhalb des Sports wiederum treten juristisch ungelöste Konflikte um Geschlechtsidentität und bis heute vorherrschende binäre Zuordnungen hervor, die insbesondere seit den 1930er Jahren im Kontext der NS-Ideologie institutionell verschärft wurden – historisch greifbar im Fall von Zdenék Koubek und zugleich hochaktuell wie bei Imane Khelif. Die Tonspur – auch ausgedruckt in der Ausstellung ausliegend – verbindet Applaus, einen historischen Interviewausschnitt mit Zdenék Koubek, Gesang von einer knisternden Schallplatte, persönliche Erinnerungen sowie von Ezra Šimek gesprochene Passagen auf Grundlage des Buches _The Other Olympians_ (2024) von Michael Walters über Zdenék Koubek und den Umgang mit trans- und intersexuellen Personen im Sport. Visuell nutzt Ezra Šimek eine mesmerisierende melancholische Form der Nostalgie, um die unterschiedlichen Bedeutungsebenen miteinander zu verweben. Der rote Theatervorhang wie auch der im Raum stehende Spiegel leiten dabei zugleich auf die aktuelle Recherche von Ezra Šimek über, das Musicals und Freude, wie Ezra Šimek sagt, als „politischen Akt“ begreift, als Seismograf besonderer gesellschaftlicher Anspannung – „A counter-archive. A place where marginalized histories don’t just survive – they sing“. Ein „Dressing Room“, also Garderoben- oder Umkleideraum, ist nicht nur Ort von Maske und Kleiderwechsel. Für Ezra Šimek ist er vor allem ein Schutzraum, safe space, ein Ort des Rückzugs, aber auch der Grenzüberschreitung und Transgression, an dem Wandel möglich und gewünscht ist. Der Spiegel nimmt dabei eine Schlüsselstellung ein, ist Selbstversicherung von Transformationen genau an den Orten, wo Identitätswechsel vollzogen und schließlich vor Publikum sichtbar und gefeiert werden. Was in vielen gesellschaftlichen Kontexten nicht möglich ist, findet hier seinen ganz eigenen Raum – Ezra Šimek formuliert es im Video so: „Imagine being your true self, without having to answer to anybody – maybe we’ll get there in my lifetime.“ Vorhang. Applaus!