
hook, line and sinker
Stef Heidhues

Galerie EIGEN + ART
Auguststraße 26, Berlin, Berlin 10117
Tue–Sat 11am–6pm
Admission
Free Admission
About
Die Arbeiten von Stef Heidhues beginnen im Vertrauten; in Dingen und Formen, die uns täglich umgeben: Werbeschilder, Schutzbrillen, Bilderrahmen, Sättel. Die Skulpturen, denen wir im Ausstellungsraum begegnen, sind aber weder Readymades noch akkurate Reproduktionen. Im Gegenteil besteht das Vorgehen hier darin, ein jeweiliges Objekt, das auf die eine oder andere Weise seinen Weg in den Alltag und die Umgebung der Künstlerin gefunden hat, zunächst möglichst sorgsam abzutasten, seine Materialität, Oberfläche und Form zu erfassen, einen Abdruck zu nehmen. Materialien werden erwogen, getestet, für passend oder eben auch nicht passend befunden. Ein händisch manipuliertes Abbild entsteht – die Spuren und das Wesen des jeweiligen Objekts bleiben, trotz der neuen Stofflichkeit, oftmals darin lesbar, und doch entsteht etwas vollkommen Neues. Diese, ich nenne es mal etwas hyperbolisch, „Palingenese" [griech. palin: wieder; genesis: Entstehung] der Objekte hat gleich mehrere Effekte. Abgesehen von ihrer Überführung in die Unbenutzbarkeit (und damit einhergehend ihrem „Zweckverlust") gewinnen sie vielfältige Assoziations- und Zuschreibungsmöglichkeiten. Die aneinandergesetzten und in Bronze gegossenen Schutzbrillen (TWINBLOCK #01 - #05, 2026) etwa werden – in Anlehnung an die Janusobjekte von Louise Bourgeois – zu einem Schwarm aus zweiflügligen High-Tech-Insekten oder, je nach Lesart, zur Spaceship-Fliegerstaffel. Der am Boden liegende, in Polymergips gegossene Sattel (Untitled (saddle_03), 2026) erinnert an gespreizte Beine, aber auch an einen großen schwarzen Vogel, der seine Flügel aufschlägt und im Begriff ist, abzuheben. Die titelgebende Hängeskulptur hook, line and sinker (2026) ist eine im Maßstab stark verzerrte und um abstrakte Elemente erweiterte Interpretation eines Angelhakens samt Schnur und Absenkblei. Die in Aluminium gegossenen Styroporverpackungen (Placeholder #01 - #05, 2026), vormals Transportschutz für rahmenlose Bildhalter, werden nun selbst zu Rahmen, der Warensicherungsaufkleber zum Bildmotiv – buchstäbliche „Platzhalter", an der Wand befestigt mithilfe exzentrischer Halterungen. Dabei spielt die Qualität des jeweiligen Materials eine entscheidende Rolle, aber auch die Negativform respektive Leerstelle, die die „neue Form" unweigerlich mitträgt: Der Alu-Rahmen zeigt indirekt ja doch den (nun abwesenden) Bilderrahmen, den er einst gehalten hat. Der Sattel den Rücken des Pferdes, auf den er einmal angepasst wurde. Die Werkstattbrille die Form eines Gesichts, für das zu schützen sie entwickelt wurde. Es ist ein Spiel mit Anwesenheit und Abwesenheit: Die Form ist noch vorhanden, während das Objekt, von dem sie genommen wurde, fehlt. Diese Leerstelle ist für Heidhues' Arbeiten wesentlich. Sie interessiert sich für das, was eine Form zeigt, aber auch für das, was sie offenlässt, für ihr Potenzial. Anders gesagt, kann Bedeutung gerade dort neu entstehen, wo das Vertraute fehlt. Apropos Lücke: Dieses Spiel mit gleichzeitig anwesendem und abwesendem Raum zeigt sich auch in der fortlaufenden Serie No Sign (2019-ongoing), einer Reihe an Schildern, die beidseitig Wortpaare enthalten. Auf der Vorder- und Rückseite (wobei nicht klar ist, was was ist) der in den Raum hineinragenden Schilder wirken die oft singulären und in kräftigen, schwarzen Lettern geschriebenen Begriffe wie Aufforderungen (INHALE / EXHALE, OPT / OUT). Andere haben Statement-Charakter und entfalten gar poetische Kraft (YOU SENT ME A LETTER THREE PAGES LONG / AND IT DIDN'T CONTAIN THE WORD YOU). Die Buchstaben besetzen die leeren Flächen, diese freien und vermeintlich neutralen Informationsräume, aber verweigern genau das, was ein Schild eigentlich leisten soll: Orientierung und Eindeutigkeit. Gleichzeitig gewinnen sie etwas ganz Entscheidendes: Raum für ambige Informationen, Zweifel, neue Assoziationen – und werfen wiederkehrend die Frage auf, wie (gedankliche ebenso wie physische) Leerräume eingenommen, (um)gestaltet und (um)genutzt werden können. Kann Raum überhaupt „leer" sein? Beginnen wir nicht unwillkürlich, ihn (mit Erwartungen, Wünschen, Vorstellungen, Dingen) zu füllen? Und was geschieht mit ihm und den jeweiligen Arbeiten, wenn diese in Form einer Ausstellung in einer bestimmten Setzung zusammenkommen? Natürlich entstehen unweigerlich Beziehungen, wo vorher keine waren, und die Umgebung wird gleichsam zur Mit-Autorin. Auch hier erlangt die just beschriebene Leerstelle – konkret in Form von freigelassenem Raum – eine besondere, wie man so schön sagt, agency, also eine Art Mitspracherecht am Gesamtgeschehen. Es drängt sich der unangenehm modische, hier allerdings sehr treffende Begriff des Worlding auf, des „Welt-Erschaffens", nachdem Wirklichkeit nicht als etwas Gegebenes, Passives verstanden wird, sondern als etwas, das durch Beziehungen, Handlungen und Wahrnehmungen fortlaufend entsteht. Neue Kontexte und damit auch Zusammenhänge (zwischen Objekten, Körpern, dem Raum, Materialien) und Zuschreibungen werden aktiv herbeigeführt. Heidhues hebt das Potenzial hervor, das in uns vertrauten Dingen schlummert und das erst in der materiellen wie kontextuellen Verschiebung überhaupt sichtbar werden kann. Sie erzeugt mit ihren Arbeiten keine geschlossene Gegenwelt, sondern überführt Objekte quasi in alternative Versionen von sich selbst, was diese wiederum für zahlreiche weitere Interpretationen und Narrative öffnet. Damit stellt sie eben jene vermeintlich vertrauten Bedeutungen immer wieder neu zur Disposition.